Der Islam hat viele Gesichter – Ein Abend mit Ibrahim Ethem Ebrem

Bericht: Mirjam Mohr / Bilder: Nora Wohlwarth
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„Der Islam hat viele Gesichter – was befremdet uns, was verbindet uns“- unter diesem Motto steht eine neue Veranstaltungsreihe, die die AG-Asyl – Rohrbach sagt JA gemeinsam mit dem punker e.V. ins Leben gerufen hat. Zum Auftakt der Reihe, die sich an interessierte Bürgerinnen und Bürger aus Rohrbach, aber auch aus anderen Stadtteilen Heidelbergs richtet, luden die Veranstalter am 12. Oktober 2017 ins Alte Rathaus zu einem Gespräch mit Ibrahim Ethem Ebrem ein. Der in Heidelberg aufgewachsene Autor und Referent der politischen Bildung mit familiären Wurzeln in der Türkei kann kompetent über verschiedene Aspekte islamischen Lebens und Zusammenlebens in Deutschland berichten: Er hat sowohl katholische als auch islamische Theologie studiert, ist unter anderem Steuerungsmitglied des Zukunftsforums Islam der Bundeszentrale für politische Bildung sowie Mitbegründer der von Heidelberger Musliminnen und Muslimen ins Leben gerufenen Initiative „Teilseiend“ und arbeitet mit beim Heidelberger Präventionsprojekt gegen Radikalisierung an Schulen.

Extremismus, Kriminalität und Parallelgesellschaften - damit wird der Islam häufig in Verbindung gebracht. Warum ist das so – und was denken Muslime darüber, die diese Extreme ablehnen?Wie sieht ihr Alltagsleben aus und wie sehen sie das Zusammenleben mit nichtmuslimischen Deutschen und Menschen anderer Nationalitäten? Was ist nötig, um das von Extremen bestimmte Bild, das viele vom Islam haben, zu ändern? Fragen dieser Art will die Veranstaltungsreihe nachgehen – und stößt damit offenbar auch auf großes Interesse bei der Bevölkerung: Zur Auftaktveranstaltung kamen rund 60 interessierte Bürger, die nicht nur dem von Annette Goerlich und Jürgen Ripplinger moderierten Gespräch mit Ibrahim Ebrem folgten, sondern sich auch gerne daran beteiligten. Denn die Veranstaltungen der Reihe sind  nicht als eine Art Podiumsdiskussion gedacht - die kreisförmige Sitzanordnung soll es jedem ermöglichen, nicht nur im Außenkreis der Diskussion zu folgen, sondern auch im Wechsel im Innenkreis Platz zu nehmen, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren.

Ibrahim Ebrem gab zunächst einen Einblick in seine Erfahrungen als in Deutschland geborener und aufgewachsener Muslim – er bezeichnet sich selbst als konservativen Muslim - mit türkischen, armenischen, kurdischen und persischen Wurzeln. „Ich bin Heidelberger!“, stellte er gleich zu Beginn klar. Mit Anfang 20 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, wies aber deutlich darauf hin, dass „Identität und Zugehörigkeit nichts sind, was einfach so gegeben ist“. Wichtig war es Ebrem vor allem, auf die Vielfalt des Islams hinzuweisen, der selbst in Deutschland nicht ein einheitliches Erscheinungsbild habe, sondern kunterbunt sei: „Wir haben hier Türken, Bosnier, Nordafrikaner, Pakistani, Menschen aus dem mittleren Osten – sie alle bringen unterschiedliche Kulturen mit.Gleichzeitig wandeln sich der Islam und muslimisches Leben immer mit der Kultur, in der man lebt.“ In Deutschland habe es aber trotz einer inzwischen rund 60-jährigen gemeinsamen Geschichte bisher noch keine Wechselwirkung zwischen dem Islam und der deutschen Kultur gegeben.

Ebrem wies darauf hin, dass es mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 auch in Deutschland einen Paradigmenwechsel gegeben habe. Zuvor habe die Religion der türkischen Gastarbeiter keine große Rolle gespielt, danach seien diese plötzlich als Muslime wahrgenommen worden. Seither auftretende Probleme mit dem Islam seien aber eigentlich nie religiöse, sondern tatsächlich politische Probleme. Aus der Erfahrung seiner eigenen Arbeit gab Ebrem zudem Einblicke in die extremistische Szene, die ebenfalls von großen Unterschieden geprägt sei und sich auch in ihrer Einstellung zu Gewalt unterscheide. Auch dort gelte: „Wenn sich junge Leute emotionalisieren lassen und dann radikalisieren, hat das meistens keine religiösen Gründe, sondern politische.“ Er selbst habe in seiner Jugend kurzzeitig einen mit dem Salafismus zusammenhängenden Radikalisierungsprozess mitgemacht, habe aber dann zum Glück erkannt, „dass das was falsch läuft“. Abschließend wies er noch darauf hin, dass beide Heidelberger Moscheen in Industriegebieten und damit am Rand Heidelbergs angesiedelt seien - „aber wir fühlen uns als Heidelberger“

Im Anschluss entwickelte sich eine lebendige Diskussion über Fragen, die die Besucher der Veranstaltung an Ibrahim Ebrem hatten. Dabei ging es beispielsweise darum, welche Verantwortung Muslime selbst bei Radikalisierungen innerhalb ihrer Gemeinschaft haben, ob Muslime sich gegen Ungläubige zur Wehr setzen müssen oder ob muslimische Kindergärten in Deutschland in Ordnung sind – und ob auch evangelische und katholische Kinder diese besuchen dürfen. Zwei Quintessenzen der Diskussion: „Jeder Bürger hat eine Gesamtverantwortung, gegen Radikalisierung vorzugehen – nicht nur Muslime“ und „Wir müssen lernen, einander zu vertrauen.“ Auch noch nach dem Ende der Diskussion gingen die Gespräche in kleiner Runde weiter - bei arabischen Leckereien, Tee und Wein.

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Der Islam hat viele Gesichter“ findet am 30. November wieder im Alten Rathaus statt. Gesprächspartner sind dann drei Mitglieder einer syrischen Familie, die lange in Deutschland gelebt hat, dann nach Syrien zurückging und als Folge des Kriegs nun wieder in Deutschland lebt. Für diese Veranstaltung konnten die Besucher am 12. Oktober bereits Fragen aufschreiben, die dann auch Thema sein werden.