Ü-50-Liederabend im Ochsen: Songs aus der „guten alten Zeit“

Bericht: Ludwig Schmidt-Herb /Fotos: Hans-Jürgen Fuchs und Valentina Schenk

tl_files/bilder/2015/Aydt-und-Frank-2015/Aydt-und-Frank-2015-32.jpgDiesmal war es irgendwie anders, als ich kurz nach halb sieben in den Ochsen kam. Der Saal war zwar voll wie immer, aber ich sah weniger bekannte Gesichter, weniger junge Leute. Richtig: da saßen nur "Ältere" an den Tischen – ein "-50-Publikum" sozusagen. Ich fand noch einen Platz vorne in der 3. Reihe und zog das Programm aus der Tasche. Annemarie Frank und Heidemarie Aydt waren angekündingt mit "Liedern, Chansons, Couplets". Was bitte sind "Couplets"? Das klingt nach vorigem Jahrhundert, nach "guter alter Zeit". Claire Waldoff fiel mir ein, und Otto Reutter. 20er, 30er Jahre eben. Vielleicht deshalb das Ü-50-Publikum.

Die Akteurinnen kamen auf die Bühne, und da begriff ich: sie hatten – beide selbst Ü-50 - ihre Zielgruppe gleich mitgebracht! Die musikalische Rollenverteilung war sofort klar: Anne(marie) sang, Heide(marie) spielte Klavier. Aber auch die Rollenverteilung im Publikum wurde gleich zu Anfang festgelegt: Frauen (auf der Bühne und im Publikum) gegen Männer (im Allgemeinen). "Männer-Bashing" sozusagen. Trotz der Aufforderung an  zartbesaitete Männer, den Saal lieber gleich zu verlassen, bleiben doch alle Männer hier. So schlimm, dachte auch ich, wird es denn doch nicht
kommen.

Kam es auch nicht, denn die folgenden Lieder behandelten zwar frivole, aber doch unverfängliche Alltags- und Allnachts-Szenen aus der Sicht der Frau. So z.B. Die, bei der die Frau im Bett nicht mehr weiß: "sind das meine Beine – oder deine Beine, oder wie?" - und ihre Artgenossinnen auffordert: "Mensch, schlaf bloß nicht in Kompanie! Liebe Ja, aber Schlafen? Allein!".

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Oder das Lied vom Neandertaler, den sich eine Frau wünscht, weil die Männer heutzutage "zu weichlich" seien, "keiner ist ein Kerl wie sich's gehört". Da wünscht man sich doch einen Neandertaler, der in seiner Robustheit und rohen Kraft einer Frau noch imponieren kann. Es folgen Chansons (oder Couplets?) von Claire Waldoff, Otto Reutter, Löhner-Beda, Georg Kreisler, die alle um das selbe Thema kreisen, wobei aber auf die Dauer nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen ihr Fett abkriegen – alle mit starker Stimme, schmissig und – je nachdem – mal im berlinerischen oder wienerisch-jiddelnden Tonfall vorgetragen. Nur manchmal hätte ich mir ein stärker gerolltes R gewünscht, nicht nur bei Liedern der Waldoff, sondern auch bei Otto Reutter und Kreisler. Wenn schon alte Lieder, dann aber rrrichtich!

PAUSE!

Nach der Pause braucht es etwas Zeit, bis wieder Ruhe einkehrt, dann aber tritt Anne(marie) auf mit Frack, Zylinder und weißem Schal. Und als "Nachtgespenst", tags Regierungsrat, nachts auf den Korridoren wandelnd, schlafende Frauen aufsuchend, selbst auf der Flucht: vor seiner Frau nämlich, die, wenn sie sich unversehens aufdeckt, für ihn das Nachtgespenst ist, das ihn in die Flucht treibt. Oder jiddisch: mit Kreislers "Sie ist ein herrliches Weib!" - die kann nicht lesen und nicht schreiben und nicht kochen und nicht denken und nicht singen und nicht tanzen – aber sie "hat a vorderes Stick, sie hat a hinteres Stick, und geht das vordere vor, dann geht das hint're zurick" – Fazit: "Sie ist a herrliches Weib!" Oder russisch makaber: Großfürst Stroganoff massakriert Schmutschkinoff, den Hausfreund seiner Frau, und verarbeitet ihm zu Filet, und in der Kneipe zeigt er dann seinen Freunden an einem geborgten Lendenstück, was aus Schmutschkinoff, dem Ehebrecher geworden ist: "Filet Stroganoff".

Und dann mit neuem Outfit, jetzt im Langen Schwarzen mit roter Fellstola: "Ich wär so gern ein Sex-Appeal". Damit ist jetzt offensichtlich auch das Männer-Bashing beendet, man ist in der Frauen-Ecke angelangt. Und da gehts dann auch weiter mit Kreislers Lied von "zweit-ältesten Beruf der Welt" – der DAME. Und schließlich mit Otto Reutters "Nehm' se 'n Alten", der ist nämlich genügsamer, anspruchsloser, man muss ihn nur etwas auffrischen. Schließlich eine Überraschung: als Gast kommt Joachim Bell auf die  Bühne, eigentlich bekannt als Zauberkünstler, hier aber als zauberhafter Helfer, Mitsänger und Mitdarsteller beim höchst komplizierten Otto Reutter-Couplet "Der Überzieher", wo es darum geht, zu verhindern, dass einem im Restaurant der Mantel (Überzieher) geklaut wird, was aber, trotz aller noch so wohldurchdachter Vorsorge, nicht zu vermeiden ist. "Seh ich weg – von den Fleck – ist der Überzieher weg". Und das war

auch schon das

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Natürlich gabs dann noch eine Zugabe, und zwar auf Französisch: „La Chanson des vieux amants“ von Jacques Brel, und, weils Publikum noch immer nicht genug hatte, ganz zum Schluß, quasi als Rausschmeißer, Max Raabes „Kein Schwein ruft mich an“. Aber gerade hier beim letzten Lied zeigte sich wieder, was für den ganzen Abend gilt: solche Lieder müssten viel akzentuierter vorgetragen werden. Ein R muss rrrollen, ein P, T und K muss explodieren, die Vokale müssen funkeln und strahlen. Das macht eben den Reiz dieser alten Chansons aus, das steigert die Präsenz der Sänger, das erhöht die Verständlichkeit der Texte. Diese alten Chansons waren ja ursprünglich für den Vortrag ohne jede akustische Verstärkung vorgesehen, dafür wurden sie getextet und komponiert, so wurden sie präsentiert. Jede Silbe musste verstanden werden, nur so konnte sie ihren Sinn und ihren Witz entfalten. Und genau dies macht ja den speziellen Sound und damit den Reiz dieser alten Songs noch heute aus.

tl_files/bilder/2015/Aydt-und-Frank-2015/Anne,Heidi&JoNeg.Nr.11.jpgDennoch: es war ein gelungener Abend! Die alten Lieder gefallen noch immer, ihre Witze zünden nach wie vor, und die beiden Musikerinnen hatten ein aufgeschlossenes und dankbares Publikum. Sie dürfen wiederkommen!