Monologischer Planungsprozess

19.07.2012 08:28 von Hans-Jürgen Fuchs

Oder: Wie man bei der SPD zuhört … (19. Juli 2012)

„US-Army und NATO gehen – was kommt auf Heidelbergs Süden zu?”, nannte sich eine Veranstaltung der SPD-Ortsvereine Rohrbach und Südwest am Dienstag, den 17. Juli 2012. Und „Was kommt auf Heidelbergs Süden zu?” fragen sich viele Menschen, vor allem in der Südstadt. Zumal die Rhein-Neckar-Zeitung am selben Tag groß über einen Strategiewechsel im Rathaus berichtet hatte: Die Konversion soll Chefsache werden. Entsprechend groß war der Andrang im Kultursaal von Bethanien-Lindenhof.

Auf dem Podium saßen mit Lothar Binding, MdB und Vorsitzender des Mietervereins, Dr. Monika Meißner, SPD-Stadträtin und Mitglied im Entwicklungsbeirat, Abraham de Wolf, Vorsitzender Bürger für Heidelberg und Bruno Krüger, BG Neu-Heidelberg. Die Moderation hatte Bernd Knauber, SPD-Bezirksbeirat und stellvertretender Vorsitzender der Rohrbacher SPD.

Dieser kündigte an, dass zunächst die Podiumsvertreter zu Wort kämen, dann aber auch das Publikum Fragen und Anregungen los werden könne. Man teilte Metaplankärtchen aus, auf die die Anwesenden ihre Ideen notieren konnten.

Dann begann Podiumsrunde 1, gefolgt von Podiumsrunde 2 und Podiumsrunde 3. Die Vortragenden stellten ihre Ideen zu den Themen Wohnen, Gewerbe und Freiflächen vor – das meiste davon hatte man bereits gehört oder in der Zeitung gelesen: Preiswerter Wohnraum, viel Grün, Demenzdorf, Kleingewerbe etc. Halt das, was viele kluge Menschen im Entwicklungsbeirat seit Monaten diskutieren und in den Leitlinien zusammengefasst haben. Viele richtige Ideen, aber noch nichts Konkretes. Und halt keine Antwort auf die Frage: was kommt auf Heidelbergs Süden zu?

75 Minuten nach Veranstaltungsbeginn kam dann indirekt erstmals das Publikum zu Wort: Die beschrifteten Kärtchen wurden verlesen – und wiederholten das bereits Gesagte. Nur die beiden letzten Kärtchen nahmen Bezug auf ein Thema, das bisher noch nicht zur Sprache gekommen war: Konkrete Handlungsstrategien. So forderte ein Anwesender auf seinem Kärtchen „absolute Transparenz” des Prozesses, was im ersten Publikumswortbeitrag aufgegriffen wurde. Der zweite Wortbeitrag aus dem Publikum stammte von mir. Ich teilte die Einschätzung des Vorredners, dass für die meisten Menschen vor allem in der Südstadt im Moment im Zentrum des Interesses stehe, was denn möglicherweise im Hintergrund bereits an Entscheidungen laufe. So habe die US-Army verlauten lassen, das Gelände östlich der Römerstraße würde bereits in wenigen Wochen leer stehen und das Studentenwerk betont, es möchte hier weitere Gebäude als Studentenwohnungen anmieten oder kaufen. Auch hört man die Unikliniken seien interessiert, hier ein Schwesternwohnheim zu errichten. Das alles wirke so, sagte ich, als werde die Luft für Bürgerbeteiligung inzwischen sehr dünn. Deshalb bat ich das Podium, zu den „Verfahrensfragen” etwas zu sagen.

Genauer: ich wollte das Podium bitten, kam aber nicht dazu. Denn diese Frage schien dem Moderator nicht ins Konzept zu passen, also schnitt er mir kurzerhand das Wort ab. Meine Bitte, mich wenigstens den Satz beenden zu lassen, quittierte er mit einen klaren „Nein!” und gab das Wort an den nächsten Zuhörer weiter. Das Publikum reagierte verstimmt und forderte, mich ausreden zu lassen, doch der Moderator ließ sich nicht erweichen. Der nächste Redner ergriff also das Wort und die Veranstaltung lief weiter. Allerdings nun ohne mich, denn ich ging.

Thema verfehlt …

Zwei Dinge beschäftigen mich, wenn ich an die Veranstaltung zurückdenke. Zum einen kann man sagen „Thema verfehlt” wenn eine Veranstaltung unter dem Titel „Was kommt auf Heidelbergs Süden zu?” ausgeschrieben wird und dann 1 ½ Stunden lediglich bekannte Standpunkte vom Podium verbreitet werden. Kein Wort zum RNZ-Artikel vom gleichen Tag, in dem die Konversion zur „Chefsache” erklärt wird, eine Menge Verwaltungsgremien entstehen, aber das Wort Bürgerbeteiligung kein einziges Mal vorkommt, genause wenig wie „Gemeinderat” oder „Bezirksberäte”. Natürlich redet jeder gerne über seine Ideen und seinen Ärger, z. B über den wachsenden Autoverkehr. Aber während hier Kärtchen geclustert werden, laufen im Hintergrund bereits die Verhandlungen zwischen Stadt, Studentenwerk und BIMA. „Die Luft für Bürgerbeteiligung wird dünn”, sagte ich. Der heutige RNZ-Bericht zur studentischen Wohnungsnot, den Bemühungen des Studentenwerks und der wachsenden Offenheit der Stadt spricht m. E. Bände.

In eigener Sache …

Und da ist noch etwas, was mich sehr beschäftigt. Bewusst habe die Sache 2-mal überschlafen, um nicht zu erregt eine Stellungnahme zu schreiben, muss aber zugeben, das mir das auch jetzt noch schwer fällt. Ich nehme mir nun also erstmals das Recht, einen Kommentar in eigener Sache an dieser Stelle zu schreiben:

Seit über einem Jahrzehnt arbeite ich im Stadtteil sehr intensiv ehrenamtlich – in punker und Bezirksbeirat. Ich habe mich immer bemüht, mich aus parteipolitischem Hickhack rauszuhalten, mir die Argumente aller anzuhören und Entscheidungen möglichst im Konsens zu treffen. Ich versuche, meine Statement stets sachlich zu halten, sie ruhig vorzutragen und epische Breite zu vermeiden. Dass trotzdem meine Ansichten nicht immer jedem ins Konzept passen können, ist klar. Aber man sollte doch im Umgang miteinander ein Mindestmaß an Höflichkeit einhalten! Ich weiß nicht, was den Moderator geritten hat, als er mir ohne Begründung nach wenigen Sätzen das Wort entzog, empfinde dieses Abkanzeln in aller Öffentlichkeit aber als absolut indiskutabel. In all den Jahren meiner Arbeit im Stadtteil ist mir noch nichts auch nur annähernd Vergleichbares passiert …

So kann und darf man nicht mit Kollegen (und Bürgern) umgehen!

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